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Marx, die Deutschen und die Freiheit (I.)

Das offenbar zwiespältige Verhältnis der Deutschen zur politischen Entwicklung und zur Freiheit, hat Marx öfter beschäfigt.


„Alle diese Versuche erinnern an jenen Turnlehrer, der als die beste Methode des Springunterrichts vorschlug, den Schüler an eine große Grube zu bringen und ihm nun durch einzelne Zwirnfäden anzuzeigen, wie weit er über die Grube springen dürfe.
Versteht sich, der Schüler sollte sich erst im Springen üben und durfte den ersten Tag nicht über die ganze Grube wegsetzen, aber von Zeit zu Zeit sollte der Zwirnfaden weitergerückt werden. Leider fiel der Schüler bei der ersten Lektion in die Grube, und bisher ist er in der Grube liegengeblieben. Der Lehrer war ein Deutscher, und der Schüler nannte sich: „Freiheit“.“


Karl Marx: Die Verhandlungen des 6. rheinischen Landtags. Debatten über Preßfreiheit und Publikationen der Landständischen Verhandlungen, in: MEW 1 (1839-1844), S.74/75.

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„Meine Wirtin ist very poor“

Marx klagt Engels sein Leid über den Ärger mit seiner Wirtin und über die Ergebnisse einer Sitzung.


„London 6. Januar 1851

Lieber Engels!

Du wirst  mich sehr verpflichten, s’il est possible, das Geld umgehend zu  schicken. Meine  Wirtin ist  very poor; sie ist jetzt die 2te Woche nicht bezahlt und tritt mit schrecklicher Energie.
Gestern in  der Kreissitzung [Londoner Kreis des „Bundes der Kommunisten] erschien Wolff [Ferdinand Wolff, Journalist, Mitglied des „Bundes der Kommunisten“ und ehemaliger Redakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“]; nicht aber Liebknecht [Deutscher Demokrat, Vater von Karl Liebknecht] und Schramm [Conrad Schramm, Journalist]. Die neuen Statuten angenommen, habe die Scheiße aufs unbestimmte vertagt.

Dein K. M.

Unsre „Revue“ [Die Monatszeitschrift „Neue Rheinische Zeitung. Politische Revue“ war als Nachfolgeorgan der 1849 verbotenen „NRZ“ gedacht, es erschienen 1850 sechs Hefte in Hamburg] wird wahrscheinlich in der Schweiz neu erscheinen.
Arbeite also  something,  damit ich das Manuskript im Notfall ready  habe.“


Brief Marx an Engels vom 6. Januar 1851, in: MEW 27 (Briefe Januar 1842 bis Dezember 1851), S.156.

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„Ich bin wahrhaft überrascht, daß Du noch kein Geld von mir erhalten hast“ – oder: Die Schwierigkeiten des Geldtransfers

Marx schreibt aus Köln an den im September 1848 vor drohender Verhaftung in die Schweiz geflohenen Engels über seine/ihre Geldsorgen. Es ist die Zeit der „Neuen Rheinischen Zeitung“ und Engels versorgt die Zeitung, um dessen Erhalt Marx finanziell und politisch kämpfen muss, auch noch aus der Schweiz mit Beiträgen.


Köln, November 1848

„Ich bin wahrhaft überrascht, daß Du noch kein Geld von mir erhalten hast.   Ich  (nicht die Expedition) habe Dir seit undenklicher Zeit  61 Taler,  11 in  Papier, 50 in Wechsel, nach Genf geschickt, eingeschlagen  in die  angegebne Adresse. Also erkundige Dich und schreib sogleich. Ich habe einen Postzettel und kann das Geld reklamieren.
Ich hatte ferner an Gigot [Philippe Gigot, Sekretär des 1846 gegründeten „Kommunistischen Korrespondenz-Komitee“] 20  und später an Dronke [Schriftsteller Ernst Dronke] 50 Taler für Euch geschickt,  immer aus  meiner Kasse. Summa – 130 Taler ungefähr. Ich werde Dir morgen wieder einiges schicken. Aber erkundige Dich nach dem  Geld. Es  war in  dem Wechsel  zugleich eine Empfehlung Deiner an einen Lausanner Geldphilister. Ich bin mit dem Geld beschränkt.  1850 Taler  hatte ich von der Reise mitgebracht;  1850 bekam  ich  von  den  Polen. 100 brauchte ich  noch auf der Reise. 1000 Taler habe ich der Zeitung [Die „Neue Rheinische Zeitung“] (mit  dem Dir  und andern Flüchtlingen) vorgeschossen. 500 in dieser Woche noch zu zahlen für die Maschine. Bleibt 350. Und da bei habe ich noch keinen Cent von der Zeitung erhalten.
Was Eure  Redakteurschaft angeht,  so habe  ich 1. in der ersten Nummer gleich  angezeigt, daß das Komitee dasselbe bleibt, 2. den blödsinnigen reaktionären  Aktionären erklärt, daß es ihnen frei stünde, Euch als nicht mehr zum Redaktionspersonal gehörig zu betrachten, daß  es mir aber freistehe, so hohe  Honorare  auszuzahlen,  als  ich  will,  und daß sie daher pekuniär nichts gewinnen werden. Die große  Summe für die Zeitung hätte ich rationellerweise nicht vorgeschossen, da ich 3-4 Preßprozesse auf dem Halse haben jeden Tag  eingesperrt werden  und dann  nach Geld wie der Hirschnach frischem Wasser schreien kann. Aber es galt, unter allen Umständen dies Fort zu behaupten und die politische Stellung nicht aufzugeben.
Das beste – nachdem Du die Geldangelegenheiten in Lausanne geordnet – ist, nach Bern zu gehn und Deinen angegebnen Plan auszuführen. Du  kannst außerdem schreiben, wofür Du willst. Deine Briefe kommen immer zeitig genug. Daß ich  einen Augenblick  Dich im Stich hätte lassen können, ist reine Phantasie.  Du verbleibst  stets mein Intimus, wie ich hoffentlich der Deine.

Marx

Dein Alter  ist ein  Schweinhund, dem wir einen hundsgroben Briefschreiben werden.“


Brief Marx an Engels, in: MEW 27 (Briefe Februar 1842 bis Dezember 1815), S. 129-130.

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Wie man dem Alten das Geld auspresst

Marx konnte bekanntlich schlecht mit Geld umgehen. Aber im Zweifelsfalle hatte er durchaus Ideen, wie er an welches kommen könnte.


„Ich  habe   einen  sichern  Plan  entworfen,  Deinem  Alten  Geld auszupressen, da  wir jetzt  keins haben. Schreib einen Geldbrief (möglichst kraß  an mich),  worin Du  Deine bisherigen  Fata  erzählst, aber  so, daß  ich ihn  Deiner Mutter mitteilen kann. Der Alte fängt an, Furcht zu bekommen.“


Brief Marx an Engels vom 29. November 1848, in: MEW 27 (Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851), S.131.

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Föxchens Tod

Marx berichtet seinem Freund Engels vom Tode seines vierten Kindes.


„London 19. Nov. 1850

Lieber Engels!

Ich schreibe  Dir nur  zwei Zeilen.  Heute morgen um zehn Uhr ist unser kleiner Pulververschwörer Föxchen [Marx´ Sohn Heinrich Edward Guy, 1849-1850] gestorben. Plötzlich, durch  einen der  Krämpfe, die  er oft  gehabt  hatte. Einige Minuten vorher lachte und schäkerte er noch. Die Sache kam ganz unverhofft.  Du kannst  Dir denken,  wie es  hier  aussieht. Durch Deine  Abwesenheit sind  wir grade  in diesem  Moment  sehr vereinsamt. In meinem  nächsten Briefe  werde ich  Dir  einiges  über  Harney [George Julian Harney, Mitglied im „Bund der Kommunisten“ und der Chartisten-Bewegung, später der IAA] schreiben, woraus  Du sehn wirst, in welcher fatalen Lage er sich befindet.

Dein K. Marx

Wenn Du  grade in  der Stimmung  bist, schreib  einige Zeilen  an meine Frau. Sie ist ganz außer sich.“


Brief Marx an Engels vom 19. November 1850, in: MEW 27 (Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851),  S.143.

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„Alles, was ich weiß, ist, daß ich kein Marxist bin!“

Engels darüber, was Marx von seinen „Jüngern“ gehalten hätte.


„In der  deutschen Partei  hat es  eine Studentenrevolte  gegeben. Seit  2-3 Jahren  sind eine  Menge Studenten, Literaten und andere junge  deklassierte Bürgerliche  in die Partei eingetreten und gerade zur rechten Zeit gekommen, um den größten Teil der Redakteurstellen in den neuen Zeitungen einzunehmen, es wimmelt von ihnen, und  sie betrachten  gewohnheitsmäßig die bürgerliche Universität als  eine sozialistische Schule von Saint-Cyr, die ihnen das Recht gibt, in die Reihen der Partei mit dem Offizierspatent, wenn nicht  Generalspatent, einzutreten. Diese Herren machen allein Marxismus,  aber sie  gehören zu  der Sorte,  die Sie vor zehn Jahren in  Frankreich kennengelernt  haben  und  von  denen  Marx sagte: „Alles,  was ich weiß, ist, daß ich kein Marxist bin!“ Und wahrscheinlich würde  er von  diesen Herren  das sagen, was Heine von seinen  Nachahmern sagte:  Ich habe  Drachen gesät  und Flöhe geerntet.“


Friedrich Engels: Brief Engels an Paul Lafargue, 27. August 1890, in: MEW 37 (Januar 1888 – Dezember 1890) S.450-451, S.450.

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Engels erklärt die materialistische Geschichtsauffassung

„Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, dass die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; dass in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen und Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird.

Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlicher Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“


Friedrich Engels: Anti-Dühring, MEW 20, S.248/249.

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Prost Neujahr!, wünscht Karl Marx

„[London] 31. Dez. 1866

Dear Fred,
Prost Neujahr! Ditto für Madame Lizzy! Möge der Teufel das nächste Jahr Russen, Preußen, Bonaparte und den British Juryman holen!
Apropos. Die französische Regierung hatte für uns bestimmte Papiere und Schriften, die nach dem Genfer Kongreß [Kongress der Internationalen Arbeiterassoziation in Genf vom 3.-8. Semptember 1866] von französischen members über die Grenze gebracht wurden, mit Beschlag belegt und dem Polizeiarchiv annexiert. Wir reklamierten durch Lord Stanley, Foreign minister,  die Sachen als „British Property“ Und in der Tat, poor  Bonaparte hat uns  via Foreign Office alles ausliefern müssen.  Ist das nicht hübsch!  Er ist heruntergesimpelt und weiß doch selber nicht wie.
Ich habe heute  eine sehr trübe Nachricht erhalten, den Tod meines Onkels, der ein  ausgezeichneter Mann war. Er starb aber schön, rasch, umgeben von allen seinen Kindern, mit vollem Bewußtsein und den Pfaffen mit  feiner Voltairescher Ironie begießend.
Die ganze Familie sendet Dir ihr Prost Neujahr.
Salut.
Dein K. M.“


Brief Marx an Engels vom 31. Dezember 1866, in: MEW 31 ( Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867), S.272.

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Marx über die Wiederholung und Verkleidung der Geschichte (Wie ja auch Hegel irgendwo bemerkt haben soll)

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht  aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wüßte nichts Besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793-1795 zu parodieren. So übersetzt der Anfänger, der eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet, und frei in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache in ihr vergißt.“


Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW 8 (August 1851-März 1853), S.111-207, S.115.